Landesregierung reduziert Zuwendungen für Integrierte Gesamtschulen

Stellungnahme von Björn Feuerbach, Schulelternbeiratsvorsitzender einer integrierten Gesamtschule im Landkreis Gießen, Vorsitzender der FREIE WÄHLER Landkreis Gießen und Mitglied im Landesvorstand der FREIE WÄHLER Hessen über die durch das Hessische Kultusministerium geplante Reduzierung der Zuweisungen für integrierte Gesamtschulen:
 
Die geplante Streichung der Zuschläge für die Binnendifferenzierung durch das Hessische Kultusministerium ab dem kommenden Schuljahr ist aus meiner Sicht ein gravierender Fehler und für unsere Schule ein harter Schlag. An der Adolf-Reichwein-Schule in Pohlheim fallen dadurch im kommenden Schuljahr 14 Unterrichtsstunden pro Woche allein in den Jahrgängen 5 und 6 weg. Das ist kein buchhalterischer Randposten, sondern ein massiver Eingriff in die pädagogische Substanz der dortigen Arbeit.
 
Gerade die Jahrgänge 5 und 6 sind die sensibelste Phase des Übergangs. Hier treffen sehr unterschiedliche Lernvoraussetzungen, soziale Hintergründe und Förderbedarfe aufeinander. Wer in dieser Situation an der Binnendifferenzierung spart, spart an der falschen Stelle, nämlich bei den Kindern, die Orientierung, Struktur und gezielte Unterstützung am dringendsten brauchen.
 
Die 14 wegfallenden Stunden bedeuten konkret: weniger Förderangebote, größere Lerngruppen ohne zusätzliche Unterstützung, weniger individuelle Rückmeldung. Es bedeutet, dass Lehrkräfte noch stärker an Belastungsgrenzen arbeiten müssen und Kinder mit Unterstützungsbedarf schneller durchs Raster fallen. Wer gleichzeitig von Bildungsqualität und Chancengerechtigkeit spricht, darf diese strukturellen Grundlagen nicht entziehen. Die Argumentation, die Mittel seien ursprünglich nicht ausdrücklich für die Binnendifferenzierung vorgesehen gewesen, greift zu kurz. Entscheidend ist, wofür sie tatsächlich eingesetzt wurden, und das war für die Sicherung pädagogischer Qualität. Diese Realität vor Ort auszublenden, wirkt wie eine rein haushaltspolitische Entscheidung ohne ausreichende Berücksichtigung der schulischen Praxis.
 
Als Schulelternbeirat vertreten wir die Interessen der Eltern und unserer Kinder. Viele Familien haben sich bewusst für die integrierte Gesamtschule entschieden, weil sie individuelle Förderung und gemeinsames Lernen verspricht. Wenn nun zentrale Stundenkontingente gestrichen werden, wird dieses Vertrauen beschädigt. Die Bedingungen in den letzten Jahren dank Coronafolgen und beispielsweise Handydauerbeschallung haben nachweislich zu einer sehr viel höheren Rate an psychischen Erkrankungen unter den Kids, immer schwächerer Lesekompetenz und zu einer sehr großen Bandbreite an individuellen Schwierigkeiten/Bedürfnissen geführt. Eine “Korrektur” hätte also allenfalls zu einer Stundenerhöhung führen müssen, um dies alles aufzufangen. Ich fordere daher die Landespolitik auf, die Auswirkungen dieser Kürzungen ehrlich zu bewerten und die Entscheidung zu überdenken. Bildung ist kein Sparposten. Wer hier kürzt, verschiebt die Probleme lediglich, und das auf dem Rücken der Schülerinnen und Schüler, auf dem Rücken unserer Kinder.